Klappern soll ja zum Handwerk gehören …

Artikel aus F.A.Z. Kiosk SONNTAG, 06. AUGUST 2017, FEUILLETON
Timpossible
Von Tobias Rüther
Wäre die erste Folge von „Kitchen Impossible“ vor zwei Jahren nicht nach drei Monaten wiederholt worden, was dazu führte, dass die Show trotz mäßiger Quoten der Premiere dann doch fortgesetzt wurde, dann wäre das deutsche Fernsehen heute ärmer um die Wortschöpfungen „Zychoterror“ und „pulverös“, den psychologischen Terminus „Mimimi“ zur Klassifizierung innerer und äußerer Angstzustände – und um die zweitbeste Kochsendung, die man derzeit bei uns zu sehen bekommt (die beste ist „Kochen mit Martina und Moritz“ im WDR, aber davon vielleicht ein andermal).
„Kitchen Impossible“ ist witzig, informativ und kurzweilig, auch wenn die Folgen Stunden dauern. Was übrigens auch bedeutet, dass man stundenlang Hunger hat. Derzeit wiederholt Vox die zweite Staffel, immer montags. Morgen tritt Tim Mälzer, der Showrunner, gegen Christian Lohse an – letzte Woche war es sein liebster Feind, der Berliner Sternekoch Tim Raue. Gegen den er schon drei Mal angetreten ist. Zweimal konnte er ihn schlagen. Jedes Mal haben die beiden sich in einem Ausmaß unflätig beschimpft, dass selbst Trumps Personal im Weißen Haus beschämt umschalten würde. „Ich hau dir irgendwann noch mal ein’ in die Schnauze“, sagte Mälzer. „Mimimi“, sagte Raue.
Aber das zeigt „Kitchen Impossible“ eben auch: Spitzenköche sind meistens Männer und gerne Männer. Und ganz besonders eben diese beiden Tims, die sich, so funktioniert die Show, gegenseitig in Küchen schicken, wo sie Gerichte nach einmaliger Verkostung und ohne Hilfe nachkochen müssen – und dann entscheidet eine Jury darüber, wie gut ihnen das gelungen ist. Und weil die Köche sich dabei dreifach ärgern können – besonders ausgefallene Küchen, besonders schwierige Gerichte, besonders harte Jury – ist die Mimimi-Quote besonders hoch.
Am letzten Montag hatte Mälzer schwerstes Mimimi, da sollte er in der Flughafenküche von Swiss ein Menü (Lachs, Reh, Pistaziendessert) nachkochen, das über den Wolken serviert wird. Vorher musste Raue eine Tiramisù-Torte in Italien für Italiener machen, woran er experimentell unterhaltsam scheiterte. Mälzer scheiterte dann in Zürich auch. Beziehungsweise brach er ab. Und fing dann ganz von neuem an. „Mimimi“, sagte Raue. Mälzer sagte etwas, das Scaramucci aus dem Weißen Haus eskamotiert hätte – und gewann danach triumphal.
Und wie die beiden da nebeneinander sitzen und sich die Videos ihrer Einsätze anschauen, wie entweder der eine „Mwhahahahaha!“ brüllt oder der andere spitz „Mimimi“ singt, wenn wieder irgendwas besonders fies war (Mälzer musste in einem von Raues Restaurants dessen Königsberger Klopse nachmachen, „so kocht nicht mal mehr meine Frau“, sagte Raues Küchenchef, der auch in der Jury saß), wie die beiden sich immer wieder heftig umarmschulterklopfen und versichern, wie hart sie das fanden, wie geil sie fast gescheitert wären: Da freut man sich, dass man nicht Koch werden musste, um kochen zu können. Und hat großen Hunger.

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